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Warum Milch zu Unrecht verteufelt wird

Für viele gehört sie einfach dazu, ob in der Müslischüssel oder im Kaffee: Milch. Seit längerer Zeit aber streiten sich Forscher um die Wirkung der weißen Flüssigkeit. Ist sie nun gesund oder nicht und für wen ist sie nicht geeignet? Wir versuchen aufzuklären.

Neulich war es mal wieder soweit: Auf ARTE lief eine Doku zum Thema Milch und ob sie uns nun gesund oder krank macht. Die Sendung war gut gemacht, keine Frage, und Milchgegner wie -befürworter waren vertreten. Allesamt Wissenschaftler oder Ärzte, die von ihren Erfahrungen berichteten. Auffällig war nur, dass die Ärzte vom Milchkonsum abrieten, die Wissenschaftler-Fraktion aber keine Bedenken äußerte.

Wie kann das sein? Wer hatte nun Recht? Die Sendung konnte oder wollte diese Frage am Ende auch nicht so richtig beantworten, aber wir versuchen es an dieser Stelle, denn Verwirrung gibt es sicherlich auf dem Ernährungsgebiet genug. Auch das Sachbuch des Jahres 2018, „Der Ernährungskompass“, rät eher vom Konsum von Trinkmilch ab, nennt dafür als Begründung, dass sämtliche Studien dazu von der Milchindustrie gesponsert wurden.

Wer kann es Verbrauchern nach so vielen gegensätzlichen Informationen verdenken, wenn sie beim nächsten Einkauf nach so genannten „Milch-Drinks“ greifen, also Alternativen auf Pflanzenbasis, die mit viel Aufwand und Zusatzstoffen versuchen, ein natürliches Lebensmittel nachzuahmen, das bereits seit 10.000 Jahren konsumiert wird, nämlich unsere Milch? Aber der Reihe nach.

Die größten Mythen, warum Milch ungesund sein soll

Die meisten Mythen entstehen deshalb, weil Schlussfolgerungen von einem Einzelfall oder mehreren Einzelfällen auf die gesamte Menschheit gezogen werden. Bestes Beispiel sind die Ärzte aus der Doku. Der eine sagte, dass er schon über tausend Menschen geholfen habe, indem er zum Milchverzicht geraten habe.

Das ist eine beträchtliche Anzahl, aber längst nicht genug, um generell vom Milchgenuss abzuraten. Denn bei aktuell 7,6 Milliarden Erdbewohnern sind das gerade mal 0,000013 Prozent aller Menschen, die dieser Arzt zu Gesicht bekommen hat. Und die kamen vermutlich auch noch aus der umliegenden Gegend? Wie kann man es besser machen?

Die Antwort sind große Studien mit hunderttausenden Teilnehmern, deren Essgewohnheiten und Gesundheit über 20 oder 30 Jahre beobachtet werden. Das ist dann zwar immer noch recht wenig im Vergleich zur Weltbevölkerung, aber mit ein bisschen Mathematik und Statistik kommt man der Wahrheit schon ein ganzes Stück näher.

Mythos 1: Milch macht Knochen brüchig

Genauso und andersherum kennt jeder die ein oder andere Version dieses Satzes: Mal macht Milch starke Knochen, mal weiche Knochen, je nach Studie. Fakt ist: Beide haben Unrecht. Knochen werden weder durch Milch stark noch weich, sondern durch Belastung, durch ausreichend Bewegung sowie Vitamin D und Kalzium.

Alles zusammen sorgt für eine möglichst hohe Knochendichte, die es bis Mitte oder Ende 20 aufzubauen gilt. Davon zehrt der Körper dann den Rest seines Lebens. Mit Vitamin-D- und Kalzium-Tabletten kann man dann den Abbauprozess nur verlangsamen, aber nicht aufhalten. Und Knochen brechen bei ausreichend Krafteinwirkung nun einmal, das lässt sich kaum verhindern.

Mit höherem Alter steigt aber auch das Risiko für Stürze, deshalb ist Bewegung und Kräftigung das A und O. Und was ist jetzt mit der Milch? Nun, sowohl bei Männern als auch bei Frauen trägt sie täglich etwa zur Hälfte zur Deckung des Kalziumbedarfs bei. Kalzium kann man aber natürlich auch anders bekommen, doch in der Milch ist es eben in hoher Menge enthalten. Mit ausreichend Bewegung an der frischen Luft wird dann ein Schuh draus. Oder besser gesagt ein Knochen.

Mythos 2: Milchfett steigert das Risiko für Herzerkrankungen

Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass tierische Fette an sich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigern können. Warum das so sein sollte? Weil in den aufkommenden Überflussgesellschaften der 70er, 80er und 90er Jahre die Häufigkeit dieser Krankheiten gestiegen war und gestörte Blutfettwerte als ein Auslöser für die Gefäßverkalkungen ausgemacht wurden, die letztlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen können.

Nun, mehrere Jahrzehnte und Studien später, weiß man, dass nicht tierisches Fett per se das Risiko steigert, sondern ein Zuviel davon. Denn das könnte in Kombination mit überschüssigen Kalorien aus Zucker zu Übergewicht führen und damit entstehen eine Reihe weiterer nachteiliger Dinge, die unsere Gesundheit bedrohen können.

Übrigens liefern natürlich auch pflanzliche Fette Kalorien, aber solange man nicht alles frittiert, was einem in den Mund kommt, enthalten pflanzliche Lebensmittel meist geringere Mengen Fett und dazu noch Ballaststoffe. Deshalb ist eine pflanzlich dominierte Ernährung immer eine sichere Wahl. Aber Milchfett ist entgegen aller Unkenrufe ein gutes Fett und wenn die Kühe wirklich auf der Weide standen, dann wird es sogar noch wertvoller.

Mythos 3: Milch verursacht Krebs

Krebs lässt sich nie auf nur eine Ursache zurückführen, sondern Gene, Umwelt und der gesamte Lebensstil sind ausschlaggebend. Aber trotzdem heißt es seit einer Studie der Universität Oxford von 2008, Milch könne Prostata-Krebs auslösen. Die Häufigkeit war in einer Gruppe Männer gestiegen, die mehr als 1,25 Liter Milch am Tag trank.

Ob es die Milch war lässt sich nicht ursächlich klären, wie gesagt, zu viele Faktoren spielen eine Rolle bei der Krebsentstehung. Männer in Deutschland trinken laut nationaler Verzehrstudie etwa 100 Milliliter pro Tag. Also kein Grund zu Panik. Im Gegenteil: Größere Studien zeigen, dass Milchgenießer und -genießerinnen seltener an Darmkrebs beziehungsweise Brustkrebs erkranken.

Und auch wenn es heißt, die Wachstumshormone in der Milch würden den Krebs wachsen lassen, seien Sie beruhigt: was davon in der Milch ist, wurde noch nie im Blut von Menschen nachgewiesen, es wird verdaut wie fast alle Eiweißbestandteile.

Mythos 4: Milch macht dick und unreine Haut

Zuletzt widmen wir uns noch diesem schönen Mythos. Beide sind einfach zu entlarven. Auch wenn es immer wieder Ratgeber gibt, die erzählen, dass die Gesetze der Physik außer Kraft sind sobald es ums Essen geht, so gilt bei der Kalorienaufnahme: Nehmen Sie mehr Kalorien zu sich als der Körper verbraucht, dann setzt er Reserven an.

Nehmen Sie weniger Kalorien zu sich als der Körper verbraucht, dann baut er Reserven ab. Reserven sind Fett. Kalorien aus Milch und Milchprodukten können selbstverständlich auch zu einem Überschuss von Kalorien beitragen. Normalerweise essen und trinken wir aber nicht so viel davon, dass es ins Gewicht fällt. Im Gegenteil, klinisch kontrollierte Studien zeigen, dass in Abnehmgruppen, die auch Milch und Milchprodukte auf dem Speiseplan stehen haben, besser abnehmen können als ohne. Milchfett und -proteine tragen zu Sättigung bei und das ist natürlich vorteilhaft fürs Abnehmen.

Vorsicht ist aber geboten, wenn es um gezuckerte Milchprodukte geht, hier kann es schnell zu viel sein, was die Kalorien betrifft. Aber könnte Milch denn wenigstens Pickel verursachen, damit noch etwas Negatives zu sagen bleibt? Leider nein, auch hier werden oft die schon erwähnten Wachstumsfaktoren gerne als die Schuldigen herangezogen. Doch wie gesagt, beim Anblick der Magensäure und anschließender Verdauung im Darm kommt von denen nicht mehr viel im Körper an.

Drei Gründe für einen Milchverzicht

Trotzdem gibt es auch gute Gründe für einen Milchverzicht. Etwa wenn du eine Milcheiweiß-Allergie hast. Dann ist das mit Sicherheit ein ernster Grund, warum du besser auf Milch und Milchprodukte verzichten solltest. Die Wahrscheinlichkeit, dass du überhaupt eine Nahrungsmittelallergie hast, liegt laut dem Robert Koch-Institut bei 4,7 Prozent.

Der zweite Grund könnte eine Laktoseunverträglichkeit sein – und die wird gerne mit einer Milchallergie verwechselt. Sie ist allerdings keine Allergie, denn sie hat nichts mit deinem Immunsystem zu tun. Es ist hier der Milchzucker, der im Darm nicht gespalten werden kann und somit eine im wahrsten Sinne des Wortes explosionsartige Aktivitätssteigerung Ihrer Darmbakterien verursachen kann. Es kommt zu Blähungen und Durchfällen.

Hier gilt: Erst bei deinem Arzt testen, ein einfacher Atemtest genügt. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit, dass du betroffen bist zwar bei etwa 15 Prozent, aber selbst dann ist bei der Hälfte der Betroffenen ein Glas Trinkmilch kein Problem, weil es wie immer auf die Menge ankommt. Vergorene Milchprodukte, wie Joghurt, Kefir und Sauermilch sind ohnehin kein Problem, weil der Milchzucker während der Vergärung bereits zum größten Teil abgebaut wurde. Das gilt auch für viele Käsesorten.

Der dritte Grund ist ein persönlicher: Du bist Veganer. Oder es schmeckt direinfach nicht. Da gibt es keine Wissenschaft, die du bemühen könntest.

Wir wünschen euch also weiterhin viel Freunde und Genuss beim Trinken eures tägliches Glas Milchs, des Latte Macchiatos oder Cappucinos.

Euer ARAMIS Sportwelt Team

Veröffentlicht am 8. März 2019